Meine Geschichte

Ein Leben mit Long Covid

Im Herbst 2020 erlebte ich die Geburt meines zweites Kindes und die Welt schien noch in Ordnung zu sein. Doch im Frühjahr 2021 wurde mein Körper - der die Geburt noch nicht verarbeitet hatte, zusätzlich mit einer Covid-10 Infektion konfrontiert. Die Infektion war moderat. Ich lag 14 Tage mit Grippeähnlichen Symptomen und Fieber im Bett. Nach zwei Wochen war der Spuk plötzlich vorbei und im Sommer kehrte meine körperliche Fitness wieder zurück.

Im Herbst allerdings bemerkte ich vermehrt Atembeschwerden und meine Spaziergänge mit den Kindern wurden immer Kürzer, das Stiegen steigen strengte mich zunehmend an und ich bemerkte eine kontinuierliche Leistungsminderung. Ich ging zu meinem Hausarzt der die Situation grob Einschätzte und Post-Covid vermutete. Es folgte eine Odyssee an Arztbesuchen verschiedener Disziplinen die mich je nach persönlicher Einstellung, mal mehr oder weniger ernst nahmen, da meine Vitalwerte ja alle in Ordnung zu sein schienen. Die Müdigkeit und die Atembeschwerden wurden nicht besser und ich hörte, dass sich bei manch anderen die von Post-Covid betroffen waren nach der Covid19-Impfung die Symptome besserten.

Kurz vor Weihnachten brachte mir die Impfung keine Besserung, sondern förderte meinen endgültigen Zusammenbruch. Sie verursachte mir den Crash meines Lebens und ich sank auf eine Leistungsminderung von 20 Bell. Ab diesem Zeitpunkt lag ich im Bett, unfähig auch nur einen Schritt zu tun.

Ich wollte nie eine Kranke Mama sein...

Als Mutter von zwei kleinen Kindern, und einem Mann der 60 km weit weg von zu Hause Vollzeit arbeitete, war ich dringend auf Unterstützung angewiesen. Doch niemand im Umfeld verstand meine Situation. Die Meisten glaubten es handle sich um ein generelles Unwohlsein, Schnupfen oder sonst etwas Belangloses mit dem sie sich nicht weiter beschäftigen wollten. Da ich nicht mehr aus dem Haus gehen konnte, und wenn nur unter großer Anstrengung, wandten sich Freunde schließlich ab, in der Ortschaft wurde getuschelt und auch das familiäre Umfeld wollte sich nicht damit auseinander setzen - so stand ich ganz alleine da.

Ich quälte mich ein weiteres Dreiviertel Jahr mit allerlei Symptomen und Crashs durch den Alltag, und legte meine Ausbildung zur Kunsttherapeutin auf unbestimmte Zeit auf Eis.

Mein Mann der trotzt Vollzeit Arbeit, versuchte den Alltag und die Kinder allein zu meistern kam bald an seine Grenzen und hätte selbst dringend Unterstützung oder Austausch mit anderen pflegenden Angehörigen gebraucht. Aber da war niemand. Wir waren allein in unserem Mikrokosmos der Covid19 Auswirkungen. Ich lebte von einem Crash zum Nächsten, ohne Hoffnung auf Besserung oder Hilfe.

Im Sommer 2022 wurde in Wien endlich eine Long-Covid Ambulanz ins Leben gerufen. Dort fand ich endlich die Antworten die ich suchte. Aus Post-Covid wurde Long-Covid mit POTS, PEM, Myalgien, MAC, einer chronische Hyperventilation sowie einem irritierter Parasympathikus. Gegen ein paar konnte ich mit Nahrungsergänzung und Antihistaminen angehen, aber meine große Baustelle war die PEM.

Kunsttherapie half mir mich zu stabilisieren

Ich begann an meinem Pacing zu arbeiten und konnte meine Crashs ein klein Wenig reduzieren. Meine mentale Gesundheit drohte langsam zu kippen und ich erinnerte ich mich an meine Haltegriffe aus der Kunsttherapie. Da ich seit meiner Kindheit zeichne und male, kenne ich die entspannende und stabilisierende Wirkung durch die Kunst. Mit dem Wissen aus meiner kunsttherapeutischen Ausbildung probierte ich verschiedene künstlerische Medien aus und kombinierte sie mit Entspannungstechniken, Visualisierungsübungen und Vagus Nerv Training. Ich sammelte immer mehr Erfahrung im Umgang mit Long-Covid und auch die Crashs begann ich besser zu bewältigen. Konnte ich einen Crash nicht verhindern, entwickelte ich ein "Crash-Mindest" um seelisch gestärkter durch den Crash zu kommen. Ich übte mich in Selbstfürsorge und lernte für meine Grenzen einzustehen.

Im Frühjahr 2023 wachte ich eines Nachts mit einem Puls von 188/90 aus dem Schlaf auf. Mit dem Verdacht auf Herzinfarkt landete ich im Spital in dem sich die Ärzte wieder keinen Reim auf die Symptome machen konnten, denn Herzinfarkt war es keiner und Long-Covid gab es ihrer Meinung nach nicht.

Später klärte mich meine Ärztin auf der LC-Ambulanz auf und sagte es läge am irritierten Parasympathikus der sich wieder eingerenkt habe.

Hoffnung auf Besserung

Seit Sommer 2023 geht es mir besser. Ich bin mit meiner PEM auf ca 80 Bell. Meinen Alltag schaffe ich mittlerweile ohne Probleme, mit ausnahmen von Situationen in denen ich mich körperlich sehr Anstrengen muss oder ich einer starken Reizüberflutung ausgesetzt bin. Dies lässt mich noch crashen. Ich habe mir meinen Traum von einem eigenen Atelier erfüllt, bin künstlerisch Tätig, habe meine Ausbildung zur Kunsttherapeutin wieder aufgenommen und arbeite an meinem Diplom.

Es war ein langer, steiniger und schrecklicher Weg, aber ich habe es geschafft. Es geht mir gut und durch die Kunsttherapie konnte ich einen Weg finden erlebtes zu verarbeiten und mir Stabilität zu erarbeiten. In einer gewissen Art und Weise hat Long-Covid mich zu meinem inneren Wesenskern und zu mir selbst gebracht. Ich kenne und spüre meine Grenzen besser, ich habe meine Willenskraft und meine innere Stärke entdeckt und weiß jetzt noch besser als zuvor wie wichtig Selbstfürsorge ist.